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Calabar. Physostigma venenosum, Calabarbohne. Leguminosae.

Botanical name:

Name: Physostígma venenósum Balf. Calabar, Calabarbohne, Gottesurteilbohne. Französisch: Fève de Calabar; englisch: Calabar bean, ordeal bean of Old Calabar, chop-nut; dänisch: Kalabarbönne; polnisch: Wyroczyn Kalabarski; russisch: Kalabarskij bob; tschechisch: Kalabarsky bob.

Namensursprung: Physostigma ist aus dem griechischen φ_σα (phýsa) = Blase und στ_γμα (stígma) = Narbe wegen der großen, angeschwollenen Narbe zusammengesetzt; venenosum = giftig. Die Droge Calabar hat ihren Namen nach ihrem Standort von der Provinz Calabar der britisch-westafrikanischen Kolonie Nigeria.

Botanisches: Die 15 m lange Liane der afrikanischen Westküste besitzt eiförmige zugespitzte Blätter mit Nebenblättern und große, purpurrote, schneckenförmig eingerollte Blüten in hängenden Trauben. Ihre leicht glänzenden schokoladefarbenen Samen sind schwach nierenförmig.

Geschichtliches und Allgemeines:

Bei den Eingeborenen des westlichen tropischen Afrikas herrschte die Sitte, daß die der Zauberei Angeklagten sich einer Art Gottesgericht, das im Genießen von Pflanzengiften bestand, unterwerfen mußten. Eines dieser Gifte war auch die Calabarbohne. Ehe sie noch ein Handelsartikel geworden war, umgaben die Eingeborenen die Pflanze, die die Calabarbohne liefert, mit einer Art Geheimnis und zeigten sie nur ungern den Europäern. Die Pflanzen wurden bis auf wenige, die den Samen liefern sollten, zerstört. Diese Samen, die Calabarbohnen, wurden von dem Häuptling des Stammes aufbewahrt. Im Jahre 1846 weist Christison auf die giftigen Eigenschaften hin. Der Missionar W. C. Thomson schickte einige Jahre später ein Exemplar der Pflanze an Professor Balfour in Edinburgh. Fraser aus Edinburgh entdeckte dann die pupillenzusammenziehende Wirkung der Calabarbohne. Sie wurde hauptsächlich bei Augenkrankheiten, aber auch gegen Tetanus, Neuralgie und Rheumatismus angewandt. Das Physostigmin wurde im Jahre 1864 von Jobst und Hesse entdeckt.

Wirkung

In den Arzneimittellehren des 18. bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts fehlt Calabar gänzlich, da es erst 1855 in die europäische Medizin als Myotikum eingeführt wurde (Dragendorff, Heilpfl. d. versch. Völker u. Zeiten, 1898, S. 335.).

Potter (Potter, Mat. med., 1898, S. 383.) verordnet es bei Obstipationen infolge Darmschwäche, in großen, vorsichtig überwachten Dosen (0,12-0,24 g) bei Tetanus, und in kleinen Dosen bei Nervenaffektionen, wie lokomotorischer Ataxie, Schreibkrampf, Paraplegie infolge Myelitis und bei progressiver Paralyse; das Physostigmin werde nur lokal bei Augenleiden angewandt.

Diesen Indikationen fügen Bentley und Trimen (Bentley and Trimen, Medicinal Plants, Bd. II, S. 80, London 1880.) noch Chorea, Epilepsie und Strychninvergiftung hinzu.

Die Calabarbohnen enthalten neben anderen Basen als Hauptalkaloid das Physostigmin oder Eserin (0,1-0,3%) (Wehmer, Die Pflanzenstoffe, S. 574.).

Eine charakteristische, für die Deutung der wichtigsten Wirkungen des Physostigmins verwendete Eigenschaft ist die erhebliche Verstärkung der Wirkung von Acetylcholin und anderen Cholinestern (Hunt, R., H. J. pharmacol. 1915, Nr. 6, S. 477; 1934, Nr. 52, S. 61.). Diese Wirkung erklärt sich aus einer Hemmung der Cholinesterase, deren Wirkung die kurze Dauer der normalen Acetylcholinwirkung im Organismus bedingt (Loewi u. Navratil, Pflügers Arch. 1926, Bd. 214, S. 689.). Dieser Physostigmineffekt ist praktisch bei der Technik mancher Tierexperimente und theoretisch von großer Bedeutung (S. Dale u. Gaddum, Gefäßerweiternde Stoffe der Gewebe, Leipzig 1936, S. 75, 139 ff.; ferner Meyer-Gottlieb, Exp. Pharm., S. 188 ff.). Darauf soll, weil die Dinge noch im Fluß sind, nicht näher eingegangen werden. Man kann die Physostigminwirkung namentlich nach den Lehren von Dale und Gaddum auch so deuten, daß die parasympathischen Endorgane nicht direkt erregt werden, sondern daß die vorhandene Erregung (durch Acetylcholin oder nahe Verwandte) verstärkt wird (Vgl. 6).). Man kann das Physostigmin auch benutzen, um Acetylcholin noch in Verdünnungen von 1 : 1 Milliarde nachzuweisen. Das geschieht in der Weise, daß die Rückenmuskeln von Blutegeln durch Physostigmin empfindlicher gemacht werden. Auf diese Weise konnte Dale zeigen, daß in einem intermediären Ganglion, welches aus einer Anhäufung von rund 100 000 Ganglienzellen besteht, bei der Erregung sämtlicher präganglionärer Fasern 1/!X!10 000 000 Milligramm Acetylcholin frei wird, das entspricht einer Wirkung von homöopathisch D 12 pro Ganglienzelle. Andererseits enthält diese Menge aber immerhin noch 3 Millionen Moleküle Acetylcholin auf je eine Erregung je einer Ganglienzelle. Praktisch ist die Wirkung des Physostigmins die einer Erregung der parasympathischen Nervenendigungen, d. h., es kommt zur Anregung der Drüsensekretionen (Dixon u. Ransom, in Heffter-Heubners Handb. d. exp. Pharm., Bd. II, 2, S. 804.), zur Kontraktion des M. Sphincter iridis und damit zur Miosis (Waymouth Reid, J. of physiol. 1895, Nr. 17.), zur Anregung der Darmbewegungen (Vgl. 8.) zur Bradykardie usw. Daneben besitzt das Physostigmin noch eine Reihe anderer Angriffspunkte. Am Herzen bewirkt es eine praktisch bedeutungslose Erregbarkeitssteigerung am Herzmuskel selbst (Vgl. 8).). Es steigert die Erregbarkeit der motorischen Endapparate der Skelettmuskulatur. Dieser Vorgang ist als Auswirkung einer Erregbarkeitssteigerung motorischer Rindezentren gedeutet worden (Harnack u. Witkowski, Naunyn-Schmiedebergs Arch. f. exp. Path. u. Pharm. 1876, Bd. 5, S. 415; Langecker, daselbst, 1925, Bd. 106.). Im Tierversuch sind Extrasystolen beobachtet worden (Rothberger, Pflügers Arch. 1901, Nr. 87, S. 117; 1902, Nr. 92, S. 398.). Die direkte stimulierende Wirkung auf die glatte Muskulatur der Blutgefäße konnte mit Sicherheit beim Hunde nachgewiesen werden (Heathcote, Journ. Pharmacol. exp. Therapeutics 1932, Nr. 44, S. 95-108 (C. C. 1932).).

Am menschlichen Herzen zeigt sich im Bereich therapeutischer Dosen eine Verstärkung der vagalen Reizleitungshemmung (Kaufmann, Wien. klin. Wschr. 1912, Nr. 28.). Lewin (Lewin, Nebenwirkungen d. Arzneimittel, S. 262.) hingegen beobachtete Abnahme der Herztätigkeit bis zur Herzschwäche, kleinen fadenförmigen Puls, Ohnmacht und Präkordialangst mit Herzpalpitationen. Magen- und Dickdarmmuskulatur werden übermäßig kontrahiert (Neureiter, D. Ztschr. ger. Med. 1922, Bd. 1, S. 517.) und Vomitus und Diarrhöe hervorgerufen (Vgl. 16).). Butler und Ritoo stellten Anregung der Peristaltik fest (Butler u. Ritoo, J. Amer. Med. Assoc. 1932, Bd. 99, S. 1929.). Auch an Blase und Uterus werden Muskelkontraktionen hervorgerufen (Meyer-Gottlieb, Exp. Pharm., S. 192.). Nach dreitägiger Anwendung von Calabarextrakt entstand durch Krampf des Musc. Sphincter vesicae Harnverhaltung (Vgl. 16).), bei Graviden wurde Abort beobachtet (Marfori-Bachem, Lehrb. d. klin. Pharm., S. 464.). Das Atemzentrum wird gleichfalls erregt (Vgl. 13.) und Dyspnoe hervorgerufen (Vgl. 16).). Tränen- (Müller u. Dahl, D. Arch. f. klin. Med. 1910, Bd. 39.) und Speichelfluß, erhöhte Sekretion der Bronchial- und Schleimdrüsen und Schweißausbruch sind weitere Folgen großer Physostigmingaben (Henke-Lubarsch, Handb. d. spez. path. Anat. u. Hist., Bd. 10, S. 16.). Die anatomische Untersuchung ergibt u. a. Hyperämie des Gehirns und seiner Häute und Blutaustritte in den serösen Häuten (Kratter, Vjschr. ger. Med. 1912, I. Suppl., Bd. 43, S. 262.). Nach örtlicher Physostigminwirkung am Auge traten Miosis (Pflüger, Ber. ophthalm. Ges. Heidelberg 1882, S. 150.), Konjunktivitis (Vgl. 16.) und Akkommodationskrampf (Ehrenberg, zit. b. Wehmer, Pflanzenstoffe, S. 575.) auf.

Vergiftungen mit Physostigmin sind nur selten bekannt geworden. Dimitrijevič; (Dimitrijevič, Fühners Sammlung von Vergiftungsfällen, Bd. 2, Liefg. 1, 1931.) beschreibt eine durch Injektion von 0,1 g Eserinsulfat hervorgerufene Vergiftung. Einige Minuten nach Verabreichung der Injektion stellten sich Krämpfe in den Beinen und Armen ein, und das Gesicht zeigte Muskelzuckungen. Im Laufe einiger weiterer Minuten wurde der Patient blau, die Atmung wurde immer seltener und schwieriger, 1/2 Stunde nach der Injektion hörten Atmung und Herztätigkeit auf. Die letzten Worte des Patienten nach der Einspritzung waren gewesen: "Das ist mir in die Augen gefahren."

Nach Einstäubung einer zu großen Dosis von Eserin in den Bindehautsack beobachtete Mader (Mader, Münchn. med. Wschr. 1935, Nr. 38, S. 1528.) an sich selbst eine allgemeine Eserinvergiftung mit starkem Unwohlsein, Schweißausbruch, Zittern der Glieder und beschleunigter Herztätigkeit. Am nächsten Tage waren diese Symptome abgeklungen, doch zeigten sich als weitere Folgen Entzündung und Katarrh der ganzen Luftwege, Membranen an den Bindehäuten beider Augen und am Kehlkopf, dementsprechend vollkommene Heiserkeit.

Das häufig als Bestandteil der Calabarbohne angeführte krampferregende Alkaloid Calabarin wurde nach späteren Untersuchungen nur als Zersetzungsprodukt (des Physostigmins) hingestellt (Vgl. 30).). Ein weiteres Alkaloid der Calabarbohne ist das Esamerin, dem sich als neues noch das Physovenin hinzugesellt. Leichtere Samen sind alkaloidreicher. Das Physostigmin, das sich im Embryo findet, verschwindet bei der Keimung nicht.

Anwendung in der Praxis auf Grund der Literatur und einer Rundfrage:

Am meisten wird Calabar in Form des Physostigminsulfates, bzw. Physostigminsalizylat oder Eserinum salicylicum, auch Eserinum sulfuricum genannt, in der Augenheilkunde angewendet. Dieses hitze- und lichtempfindliche Alkaloid wird von der Konjunktiva rasch resorbiert, der Höhepunkt der die Iris zusammenziehenden Wirkung tritt im allgemeinen nach einer halben Stunde ein. Eine solche Pupillenverengerung wird benutzt zur Herabsetzung des intraokulären Druckes, besonders bei beginnendem wie ausgebildetem Glaukom. Weitere Indikationen sind Mydriasis, Keratitis, Hornhautgeschwüre, Iritis und Irisvorfall. Um allgemeine Vergiftungserscheinungen zu verhüten, komprimiert man mit dem Finger den Tränengang am inneren Augenlide. Als Wechselmittel gibt man Atropin.

Innerlich wird Calabar selten angewandt. Die hemmende Einwirkung auf die Fermente läßt die alte Anwendung bei Diabetes mellitus wieder gerechtfertigt erscheinen. Es empfiehlt sich aber auch hier, das Calabar als Ganzpflanze, z. B. als "Teep", anzuwenden. (Nach Einnahme von Calabar "Teep" D 2, drei gestrichene Teelöffel voll, wurde bei einem Diabetes mellitus-Kranken Sinken des Zuckerspiegels von 3,5% auf 0,15% und gesteigertes Wohlbefinden beobachtet.) Weiter kommt es als Wechselmittel mit Rad. Belladonnae bei Postenzephalitis (Parkinsonismus) in Betracht. In einem Falle zeigte sich nach Calabar "Teep" innerhalb drei Wochen eine außerordentliche Besserung bei einem Parkinsonpatienten, der seit vielen Jahren keine selbständige Handlung mehr vornehmen konnte.

Als sonstige Indikationen werden genannt: Epilepsie, Tetanus, Trismus, Chorea minor, Lähmungen auch postdiphtheritische, Akkommodationsstörungen nach akuten Infektionskrankheiten und Paralysis agitans.

Ferner wird Calabar gegen Neuralgien (Trigeminusneuralgie), Magenkrampf und als Antidot gegen große Gaben von Strychnin und Atropin empfohlen.

Als Wechselmittel werden u. a. Lathyrus sativus und Gelsemium genannt. Bei Augenleiden ist ein Wechsel mit Euphrasia angezeigt.

Angewandter Pflanzenteil:

Die Calabarbohnen, die Samen von Physostigma venenosum Balf., werden seit 1865 (s. Geschichtliches) in der Heilkunde verwendet.

Das HAB. nennt zur Herstellung der homöopathischen Urtinktur die getrockneten Samen (§ 4). Aus den frisch getrockneten, nicht zu alten Samen wird auch das "Teep" gewonnen, so lange frische Samen nicht erhältlich sind.

Semen Calabar seu Semen Physostigmatis ist offizinell in Belgien, Spanien, Portugal und Japan.

Dosierung:

Übliche Dosis:
0,5-0,75 mg Physostigminsalizylat (Bachem).
1 Tablette der Pflanzenverreibung "Teep" zwei- bis dreimal täglich.
(Die "Teep"-Zubereitung ist auf 1% Pflanzensubstanz eingestellt.)
Bei einem Physostigmingehalt der Droge von 0,14% enthält 1 Tablette zu 0,25 g (entsprechend 0,0025 g Semen Calabar) 0,0035 mg Physostigmin.

Maximaldosis:

0,001 g pro dosi, 0,003 g täglich Physostigminsalizylat und Physostigminsulfat (DAB. VI).
0,02 g pro dosi, 0,06 g täglich des Calabarextraktes (Ergb.).

Rezeptpflichtig:

Extractum Calabar Seminis, Physostigminum.

Rezepte:

Bei Glaukom (nach Trendelenburg):

Rp.:
Physostigmini salicyl. . . . 0,02
Acidi borici . . . 0,4
Aquae dest. ad . . . 10
M.d.: Ad vitr. nigr. S.: Augentropfen. Dreimal täglich 1 Tropfen (mit 0,0001).
NB.: Der Zusatz von Acid. boric. macht die Lösung haltbarer.
Rezepturpreis c. pip. etwa 1.94 RM.

Lehrbuch der Biologischen Heilmittel, 1938, was written by Dr. Med. Gerhard Madaus.



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